Erstes fest installiertes L-Acoustics L-ISA-System in Deutschland
Halle im Radialsystem
Das Radialsystem in Berlin in der Nähe des Ostbahnhofs ist ein Ort, an dem zeitgenössische Kunst entwickelt, erprobt und präsentiert wird – insbesondere in den Bereichen Choreografie, Musiktheater und Konzert. Es verfügt über zwei Veranstaltungsräumlichkeiten, die einfach als „Saal“ bzw. „Halle“ bezeichnet werden. Um letztere soll es im vorliegenden Beitrag gehen. Die Halle im Radialsystem war bisher ganz klassisch mit einer Stereo-Beschallung versorgt worden. Im vergangenen Jahr wurde ein neues, immersives Beschallungssystem auf der Basis des L-ISA-Systems von L-Acoustics installiert, das die Möglichkeiten der Tontechnik immens erweitert. Für das Team vom Radialsystem war dies ein sehr sinnvoller Schritt, weil zum Veranstaltungsprogramm auch regelmäßig zeitgenössische Tanz- und Musikproduktionen gehören, die eher experimentellen Charakter haben und über die reine Abbildung einer konzertanten Situation auf der Bühne hinaus immer wieder auch klangexperimentelle Ansätze verfolgen. Bisher wurden solche Produktionen dann beispielsweise quadrophonisch oder achtkanalig gefahren – mit dem neuen L-ISA System sind die tontechnischen Möglichkeiten nun weitaus vielfältiger. Bei einem Besuch in Berlin konnten wir uns von den Qualitäten des neuen Systems überzeugen.
Zur Vorgeschichte: Bereits vor etwa 3-4 Jahren hatte sich Carlo Grippa, freiberuflicher Tontechniker und Projektleiter für das L-ISA System im Radialsystem, auf der ProLight+Sound über immersive Beschallungssysteme informiert, weil er bei seiner Arbeit als freier Tonmeister in verschiedenen Projekten auch immer wieder mit Spatial Audio bzw. immersiven Systemen zu tun hatte. Überzeugt hatte ihn dann damals eine L-ISA-Präsentation von L-Acoustics, so dass er den Plan fasste, auch für das Radialsystem ein L-ISA-System zu realisieren.
Das ergab auch insofern Sinn, als dass viele zeitgenössiche Tanz- und Musikproduktionen, die im Radialsystem aufgeführt werden, eher experimentellen Charakter haben. Bei solchen Anwendungen hat man über die reine Abbildung einer konzertanten Situationen hinaus auch immer wieder klangexperimentelle Situationen, die dann von der elektroakustischen Seite her öfters mehrkanalig gefahren werden – z.B. achtkanalig oder quadrophonisch.
Mit dem L-ISA-System hat man nun einfach viel mehr Optionen, weil man nicht auf eine vergleichsweise geringe Anzahl (4 oder 8) von Quellen/Lautsprechern/Ausspielwegen begrenzt ist, sondern mit dem hier verbauten L-ISA-Prozessor bis zu 64 Ausspielwege realisieren kann. Dabei geht es eigentlich nicht um die höhere Signalverarbeitungsleistung oder eine höhere Anzahl von Ausspielwegen sozusagen als Selbstzweck, sondern darum, dass das L-ISA-System von L-Acoustics auch qualitativ ein ganz neues Arbeiten für die Tonschaffenden ermöglicht.
Bei einer reinen Stereo-Beschallung kann man eine räumliche Abbildung/Staffelung von Schallquellen über die Bühnenbreite/Stereobasis mit Hilfe von Phantomschallquellen erreichen. Das funktioniert über den Effekt der Summenlokalisation, den man klassicherweise von zu Hause aus eben jener Stereowiedergabe über Lautsprecher kennt. Das Problem dabei ist: Summenlokalisation funktioniert nur dann, wenn die Differenzen der Schallaufzeiten von den beiden beteiligten Lautsprechern zum Zuhörer kleiner als ca. 1ms sind. Ist die Differenz größer, hört die betreffende Person den Schall nur aus der Richtung desjenigen Lautsprechers, dessen Direktschall zuerst beim Zuhörer eintrifft. Diesen Effekt nennt man auch Präzedenzeffekt oder auch „Gesetz der ersten Wellenfront“. Zu Hause oder im Studio kann man problemlos im Hotspot sitzen, idealerweise an der Spitze eines gleichseitigen Dreiecks mit den Lautsprechern und dem Zuhörer an den Ecken. Bei einem größeren Beschallungsaufbau funktioniert das leider nicht mehr so schön, weil die beteiligten Distanzen größer sind, und eine Laufzeitdifferenz von 1ms – entsprechend einem Schallwegunterschied von ca. 34cm – zu einem beliebigen Zuhörerplatz schnell erreicht ist. Das bedeutet: Selbst in einer mittelgroßen Halle können nur ca. 5-10% des Publikums Summenlokalisation und damit eine befriedigende Abbildung von Schallquellen über die Bühnenbreite mittels Phantomschallquellen erleben. Der Rest hört praktisch alles entweder aus der Richtung des einen oder der des anderen Lautsprechers.
Das ist nicht nur unbefriedigend, weil es keine gute Übereinstimmung zwischen der gehörmäßigen Lokalisation und dem gibt, was man auf der Bühne sieht – es ist für den FOH-Ingenieur auch schwieriger, eine akustische Szene mit vielen Quellen adäquat zu den Zuhörern zu transportieren. Das liegt daran, dass sich die Schallanteile der verschiedenen Quellen auf der Bühne auch gegenseitig verdecken können. Das bedeutet, dass leise Klangstrukturen einer Quelle – zum Beispiel eines Instruments in einem Orchester – beim gleichzeitigen Erklingen anderer, lauterer Schallquellen womöglich leiser oder gar nicht mehr hörbar sind.
Bei einer einfachen Stereobeschallung kann das für viele Plätze im Publikum passieren, selbst wenn das bei einer direkt und ohne Verstärkung, also rein akustisch gehörten Situation auf der Bühne nicht der Fall wäre.
„Schuld“ ist hier der Effekt der „Binaural Masking Level Difference“ (BMLD). BMLD bedeutet, dass sich zwei Schallquellen umso weniger verdecken (maskieren), je weniger sich ihre Lokalisationsbereiche überlappen, je mehr sie also in unterschiedlichen Richtungen lokalisert werden.
Bei der klassichen Stereo-Beschallung hat der FOH-Ingenieur nur die Möglichkeit, die verschiedenen Quellen spektral stärker zu separieren – also mit dem Kanal-EQ zu versuchen, die sich gegenseitig verdeckenden Signale so zu bearbeiten, dass jeder Quelle im Idealfall ein eigener Spektralbereich zugewiesen wird bzw. sich die Spektren der einzelnen Signale weniger stark überlappen. Dies geht natürlich mit einer klanglichen Veränderung einher, die meist nicht erwünscht ist.